Folge 2: Tonungsexperimente

Neben meiner Vorliebe für interessante Papieroberflächen reizen mich ebenfalls Tonwerte. Z.Zt. experiementiere ich mit Selentoner und Viradon, dass ich vor einiger Zeit durch einen zufälligen Glückskauf in ausreichender Menge erwerben konnte.

Es ist spannend heraus zu bekommen, wie die unterschiedlichen Materialien auf die Chemikalien reagieren. Bitte verstehen Sie meine Ergebnisse nicht als Universallösung, sondern lediglich als Information für eigene Experimente. Es gibt zu viele unterschiedliche das Endergebnis beeinflussende Faktoren, als das ich Patentlösungen geben könnte. Zumal ich mit einer Vielzahl unterschiedlich alter Papiere arbeite, so daß ich wenig dazu sagen kann, wie sich moderne Emulsionen davon unterscheiden. Ausserdem ist davon auszugehen, daß die jahrelange Lagerung der Papiere deren Verhalten teils massiv verändert hat, so daß die in Folge gezeigten Beispiele als Unikate zu verstehen sind.

Es ist hinreichend bekannt, dass Viradon und bedingt auch Selentoner ordentlich fixierte und ausgewässerte Fotos konservieren. Selentoner klärt zudem die Schatten und erhöht deren Dichte, sowie ändert den Bildton in meist als angenehmer empfundene kühlere Farben.

Die von modernen Zeitgenossen als „schön antik“ angesehene Tonung mit Schwefel oder Viradon hatte ursprünglich konservatorische Gründe, ähnlich dem Goldrand an historischen und damals schon wertvollen Büchern. Dennoch steht nichts dem Wunsch entgegen das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden und die Fotos zu tonen – schließlich sollen sie den Künstler im Idealfall „überleben“. Wer aus der älteren Generation denkt nicht mit einem unangenehmen Gefühl an die ausgebleichten und farbstichigen Bilder seiner Kindheit?

Da ich stets auf der Suche nach neuen Bildinterpretationen bin, kam ich auf die Idee beide Toner zu kombinieren! Sie aber einfach zusammen zu kippen dürfte eher selten zu wirklich überzeugenden Ergebnissen führen.

Z.Zt. setze ich Selentoner 1+50 an und tone mangels visueller Kontrollierbarkeit auf Zeit. 5 Minuten bringen eine erst im trockenen Zustand sichtbare Dichtezunahme und Klärung der Schatten sowie kühleren Bildton. Eine Verlängerung auf 10 Minuten bringt nichts und führt bei einigen (aber nicht allen) Papieren zu einem sichtbaren Rotstich, der eher selten als angenehm empfunden werden dürfte.

Mit Viradon tone ich auf Sicht und gieße nach Gefühl einen kleinen Schluck des Konzentrats in die Lösung nach und achte dabei genau auf gleichmäßige Verteilung des recht heftig reagierenden Toners. Den sich stets auf dem Papier absetzenden „Schmodder“ wische ich mit einem Blatt von der Küchenrolle (nicht Toilettenpapier!) in einer weiteren Schale mit Wasser ab, da sich ersteres im Gegensatz zu zweiterem auch in nassem Zustand nicht auflöst und auch selten Fusseln oder Schmierbahnen auf dem Papier hinterlässt. Mit dem gleichen Material lassen sich auch ganz gut nach der Schlußwässerung auf dem Papier anhaftende Wassertropfen auf beiden Seiten entfernen um eine halbwegs beulenfreie Trocknung des Blatts zu ermöglichen.

Die Variante „Erst Selen, dann Viradon“ funktioniert auf jeden Fall (ausreichende Zwischenwässerung nicht vergessen!) – anders herum habe ich es nicht ausprobiert. Heraus kommt ein mehr oder minder anderer Farbton, der je nach Prozeß und Material ins bläuliche oder violette gehen kann. Ausserdem kompensiert in einigen Fällen die Dichtezunahme des Selens die Dichteabnahme vom Viradon, so daß im günstigsten Fall Dichte und Kontrastverlauf zwischen Probestreifen und finaler Vergrößerung übereinstimmen.

Übrigens: Ansel Adams und Andreas Weidner empfehlen beide die Tonung bei erhöhter Temperatur um ein anschließendes auswässern des Toners zu vermeiden. Dem stimme ich zu und tone stets mit einer unter der Schale leicht warmen Kochplatte und/oder einem warmen Mantelbad in einer größeren Schale (Vorsicht: Dort nicht zu viel Wasser eingießen, da sonst die Schale mit der Vergrößerung schwimmt und beim bewegen kleckert!) Natürlich stelle ich die Schale nicht direkt auf die Kochplatte, sondern sorge mit Backsteinen oder Holzbalken für einen Abstand zwischen Schale und Kochplatte. Achtung: Die Temperatur sollte nicht wesentlich über 40°C hinausgehen, da sich sonst die Gelatine des Papiers auflösen kann und die Vergrößerung ruiniert!

Beispiel 1

Folgend ein Beispiel, welches ganz gut die Tonerkombination zeigt. Beide Negative wurden identisch vergrößert auf Wephota BS 118 und entwickelt in D-163.

getont in Viradon

Getont in Viradon

stark getont in Selen, dann in Viradon

Zunächst stark getont in Selen, dann in Viradon

Beispiel 2

Dieses Beispiel zeigt wie fein die Unterschiede zwischen den Materialien und Prozessen ausfallen können. Die hier gezeigten Bilder wurden auf historischem Papier vergrößert, d.h. sie sehen auf modernen Emulsionen möglicherweise völlig anders aus. Die resultierenden Gradationen entsprechen nicht mehr denen, die sie ursprünglich einmal gewesen sein dürften.

Momiji 1

Momiji 1: Ilfobrom B112 Grad. III, D-163, Selentonung

Dieser prächtige Momiji aus dem japanischen Garten in Leverkusen wurde auf Ilfobrom B112 Grad. III vergrößert und in D-163 entwickelt. Die seidenmatte Oberfläche des durch Überlagerung weich gewordenen Papiers produziert sehr zarte Schatten, die durch die Selentonung wieder etwas Biss bekommen haben.

Die Unterschiede dieser zweiten Variante lassen sich am Bildschirm nur schwer wiedergeben. Vergrößert wurde auf völlig überlagertem Oriental, welches zwar mit Gradation IV angegeben war, nach rund 15 Jahren aber eher „Spezial“ entsprechen dürfte. Die luftgetrocknete glänzende Oberfläche zeigt mehr Dichte und Details in den Schatten, die durch die Selentonung noch verstärkt wurde. Entwickelt wurde ebenfalls in D-163.

Momiji 2

Momiji 2: Oriental Grad. IV, D-163, Selentonung

Und nun zu den warm getonten Varianten.

Momiji 3

Momiji 3: Ilfobrom Galerie FB Grad. III, D-163, Viradon

In Viradon getont macht der Momiji auch eine gute Figur. Hätte das Ilfobrom Galerie FB, Grad. III seinen urspünglichen Kontrast, wäre dieses Bild im Hydrochinon-Entwickler D-163 viel zu hart ausgefallen. Die Papieroberfläche wirkt durch seine zarte Struktur sehr edel.

Die ebenfalls überlagerte Grad. II des gleichen Papiers fällt nicht sonderlich weicher aus. Die Kombination „erst Selen, dann Viradon“ verschiebt diese Interpretation ein wenig in Richtung Blau. Entwickelt wurde ebenfalls in D-163.

Momiji 4

Momiji 4: lfobrom Galerie FB Grad. II, D-163, erst Selentonung, dann Viradon

 


 

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Autoreninformation:

Bodo P. Schmitz fotografiert seit 1994 im Großformat (FN1)<EXT> (int.) und seit ca. 1998 ausschließlich in schwarzweiss (FN2)<EXT> (int.). Er führt sämtliche Arbeitsschritte von der Bildidee bis zur Vergrößerung auf Barytpapier (FN3)<EXT> (int.) selbständig aus. Nach reiflicher Überlegung hat er sich dazu entschlossen, im künstlerischen Bereich den analogen Weg weiter zu gehen. Weitere Projekte:

www.linux-praktiker.de: Tipps & Tricks zu Linux aus der Hand eines versierten Praktikers
www.mutbuergerdokus.de: Dokumentation von Zeitgeschichte und zivilgesellschaftlichem Bürgerengagement

 

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